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Die Köln-Marathon Challenge, Teil 6

geschrieben am von & abgelegt unter Bücher und eBooks, In der Mayerschen.

Sonntag, 18. August:

Nach fast einer Woche erzwungener Trainingspause erwartete mich am Sonntag ein 25 Kilometer Dauerlauf. Ich machte mich mittags bei bewölktem Wetter auf den Weg und genoss die leeren Straßen. Am Stadtrand relaxten die Kühe auf der Weide, kauten Gras oder lagen bequem und schauten in die Ferne. Ein paar hundert Meter weiter bot sich mir auf einer Pferdekoppel ein ähnliches Bild. War dies vielleicht ein Wink mit dem Zaunpfahl, nicht durch die Gegend zu hetzen und lieber bequem den Sonntag zu genießen?
Andere Jogger oder Spaziergänger traf ich nicht. Mir fiel außerdem auf, dass ich fast immer alleine unterwegs war. Freunde begleiteten mich nur noch selten, die Strecken sind für Gelegenheitsläufer einfach zu lang. Man muss -zugegeben- schon (lauf)verrückt sein, um so ein Training durchzuziehen. Vor dem Marathontraining zählte ich eher zu den Schönwetterläufern, das konnte ich mir nun nicht mehr leisten, wenn ich den Plan mit den einzelnen Einheiten einhalten wollte.

Die weite Strecke, die Steigungen hinauf zum Dreiländereck waren eigentlich schon Herausforderung genug, aber genau als ich den Hügel erklommen hatte, fing es an zu regnen. Ich hatte etwas über die Hälfte der Strecke geschafft, befand mich nun aber ausgerechnet an dem Punkt der Strecke, der am weitesten von zu Hause entfernt lag. Es half nicht: Ich musste zurück. Eine Pause kam in den durchnässten Klamotten nicht in Frage, würde ich jetzt anhalten, wäre die Gefahr einer Erkältung zu groß. Der Rückweg bergab ging zum Glück flott: Teilweise hatte ich das Gefühl, ich würde auf einer Wasserutsche eines Freizeitparts laufen, so sehr lief recht und links das Wasser talabwärts. Jetzt bloß nicht ausrutschen…

Dienstag, 20. August: Am Montag hatte ich einen Muskelkater in den Beinen und lief wahrscheinlich herum wie ein Matrose auf Landurlaub. Für Dienstag hieß es 12 Kilometer Dauerlauf.

Cover des Buches Alan Sillitoe Die Einsamkeit des Langstreckenlaeufers 121x200Wieder lief ich alleine und musste an den „Angry Young Men“ Klassiker von Alan Sillitoe „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“ denken.
Colin Smith kommt aus Nottingham, die familiären Umstände darf man getrost als schwierig bezeichnen. Colin ist Halbwaise, die Familie arm. Wegen Diebstahl wird er in eine Erziehungsanstalt in Essex eingewiesen, das Programm, was ihn dort erwartet ist vergleichbar mit den Boot-Camps in den USA. Sein Komplize entgeht dieser Strafe; Ungerechtigkeit und Vorurteile sind zentrale Themen des Buches.
Colin ist ein hervorragender Langstreckenläufer, eine Fähigkeit, die hervorragend dafür geeignet ist, der Polizei zu entkommen. Der Direktor der Anstalt findet schnell heraus, dass Colin ein begabter Läufer ist und möchte ihn für das jährliche Sportfest begeistern. Aber es handelt sich nicht um Fürsorge, sondern um Profilierung, Ehrgeiz und Egoismus des Direktors. Colin durchschaut dies und plant, sich nicht für seine Zwecke ausnutzen zu lassen, wohl aber an dem Wettkampf zu starten.
„Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“ ist komplett aus der Sicht von Colin geschrieben, oft sind es Gedanken während seiner Trainingseinheiten, wenn er während seiner langen Läufe Geschehnisse reflektiert. Er entwickelt einen Plan, wie er seine sportliche Überlegenheit zwar demonstrieren, diese aber nicht instrumentalisiert werden kann.
Obwohl „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“ bereits in den 50er Jahren erschien, wirkt die Erzählung dennoch zeitlos. Es fällt dem Leser leicht, die Handlung in die Gegenwart zu transportieren, denn die gesellschaftlichen Merkmale sind erstaunlich ähnlich.

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