Trotzdem „Der Geiger“ ein ernstes und düsteres Buch ist, habe ich es gern gelesen. Und auch wenn die Thematik der Zeit geschuldet eine andere ist, erhält der Roman durch die kürzlichen Ereignisse in Russland eine gewisse Aktualität. Das Kernthema ist politische Willkür und was diese mit ihren Opfern anrichtet.
Moskau 1948. Klassische Musik, seine Stradivari und seine Familie sind alles, was der geniale Geiger Ilja Grenko liebt und wofür er lebt. Nicht nur in Russland ist Grenko berühmt, Konzertreisen haben ihn schon des öfteren in den Westen geführt und genau das wird ihm nun zum Verhängnis. Nach einem Konzert vom Fleck weg verhaftet, findet er sich in der berühmt-berüchtigten Lubjanka wieder, dem Gefängnis des KGB, aus dem noch nie jemand – wenn überhaupt – unbeschadet wiedergekehrt ist. Er wird des Landesverrats beschuldigt und nach kurzem, demütigendem Prozess ins Straflager nach Sibirien verfrachtet. Seine Stradivari soll er nie mehr wiedersehen. In Sippenhaft–Manier werden seine Frau Galina und die Kinder in die Verbannung nach Kasachstan geschickt, nachdem Galina mit der Aussage konfrontiert wurde, ihr Mann habe sie verraten und sich abgesetzt. Verzweifelt sieht sie sich einer Zukunft gegenüber, die alles andere als ein Spaziergang ist. Unabhängig voneinander kämpfen die Beiden um ihr Leben, Galina versucht, zu verarbeiten und irgendwie abzuschließen, Ilja gibt die Hoffnung nicht auf, seine Lieben irgendwann wiederzusehen. Er glaubt an Wahrheit und Gerechtigkeit, soll aber, wie so viele andere, enttäuscht werden.
60 Jahre später wird Iljas Enkel Sascha von einer Nachricht seiner Schwester Vika überrascht. Jahrelang hat er sie nicht gesehen, kann sich kaum erinnern und nun bittet sie ihn um ein Treffen. Doch dazu soll es nicht kommen, Vika wird vor Saschas Augen erschossen. In Vikas kärglichen Hinterlassenschaften entdeckt Sascha Hinweise auf die Geschichte seines Großvaters, den er nie kennengelernt hat. Einzig an seine Großmutter Galina und deren immerwährende Traurigkeit kann er sich dunkel erinnern….Sascha begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit seiner Familie, die nicht ungefährlich ist….
Meiner Meinung nach ist „Der Geiger“ ein gutes, spannendes Buch, wenn ich auch die Bezeichnung Krimi nicht ganz richtig finde. Es ist eher eine Familiengeschichte auf verschiedenen zeitlichen Ebenen, in die eine Kriminalhandlung eingebettet ist, die ich aber eher nebensächlich finde. Mechthild Borrmann fordert ihre Leser heraus, beim ständigen Wechseln der Zeitpunkte und Standorte ist echt Konzentration gefragt. Aber mich hat das nicht abgeschreckt, sondern eher gefesselt, denn insbesondere die Ereignisse und Lebensläufe vor sechzig Jahren sind beeindruckend. An Galinas und Iljas Schicksal lässt sich „schön“ nachvollziehen, wie machtlos die Menschen dem KGB und seiner brutalen Willkür ausgeliefert waren. Und nicht nur das, im Straflager oder in der Verbannung ist jeder sich selbst der Nächste, was ja auch irgendwie nachvollziehbar ist. Unter diesen Umständen nicht die Hoffnung zu verlieren und weiterzuleben, ist eine enorme Leistung. In Teilen kam mir das beim Lesen aus aktuellem Anlaß irgendwie bekannt vor…
Und zuguterletzt bleibt ja noch die Frage nach dem Warum. Wer hatte einen Vorteil vom „Verschwinden“ der Grenkos und was hat das Ganze überhaupt mit der Stradivari zu tun, die eine größere Rolle spielt, als ich beim Lesen zunächst angenommen hatte. Und warum zieht das Ganze seine Kreise bis in die Gegenwart?
„Der Geiger“ ist unterm Strich eine gute Mischung aus Unterhaltung, Spannung und Zeitgeschichte. Ich fand´s richtig gut! Für alle, die „Kind 44“, „Gorki Park“ oder „Russisches Requiem“ gern gelesen haben.

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