Nach den letzten, leider etwas enttäuschenden Veröffentlichungen, war ich bei vorliegendem Werk durchaus skeptisch, da ich befürchtete, Stephen King hätte womöglich seinen Biss verloren. Glücklicherweise habe ich mich geirrt.
Und in diesem Fall irre ich mich sehr gerne, denn nach der letzten Seite von „Zwischen Nacht und Dunkel“ (Originaltitel: „Full Dark, No Stars“) kann ich aus vollster Überzeugung behaupten, wieder einen waschechten King gelesen zu haben.
Das Buch ist eine Novellensammlung, bestehend aus vier Geschichten, die sich alle mit dem Motiv der Rache auseinandersetzen und die Frage aufwerfen, wie weit ein Mensch gehen kann, wenn er vor Extremsituationen gestellt wird. Und natürlich zeigt uns King selbstverständlich auch, welche Folgen dies haben kann. Mit anderen Worten: Wir bekommen hier endlich wieder Horror auf höchstem Niveau geboten.
In „1922“ geht es um einen Farmer, der aus Habgier und Verzweiflung seine Ehefrau tötet und damit einen Albtraum heraufbeschwört, der ihn regelrecht in den Wahnsinn treibt. Die Geschichte besitzt eine subtile sozialkritische Ausrichtung und ist ein wunderbarer Auftakt für die nächsten drei Erzählungen.
„Big Driver“ handelt von einer Frau, die nach einer brutalen Vergewaltigung auf Rache sinnt. Eine sehr harte, unter die Haut gehende Geschichte.
In „Faire Verlängerung“ schließt ein krebskranker Mann einen Pakt mit dem Teufel, um wieder gesund zu werden. Der Preis für die Genesung ist jedoch, dass ein anderer im Gegenzug leiden muss.
Und in „Eine gute Ehe“ schließlich führt ein grausamer Fund dazu, dass eine Frau nach fast dreißig glücklichen Ehejahren einen ganz anderen Blick auf ihren Ehemann bekommt, der wohl ein brutales Doppelleben als Serienmörder führt. Um jedoch den Schein zu wahren, möchte sie die Dinge in die eigene Hand nehmen und selbst für Gerechtigkeit sorgen. Leichter gesagt als getan.
Die Qualität der Geschichten ist inhaltlich wie handwerklich ausgezeichnet. King gelingt es auf ganzer Linie, glaubwürdige Charaktere vorzustellen und ein Grauen zu verbreiten, das nicht unbedingt von den fürchterlichen Umständen, sondern von den agierenden Menschen ausgeht. Unterhaltung und Anspruch halten sich stets die Waage und machen „Zwischen Nacht und Dunkel“ zu einem echten Highlight. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass diese Novellensammlung mit zum Besten gehört, was Stephen King jemals geschrieben hat.
Fans werden ihre helle Freude daran haben, endlich wieder einen so fantastischen King in den Händen zu halten. Gleichzeitig ist „Zwischen Nacht und Dunkel“ aber auch wunderbar für Einsteiger geeignet.
Originaltitel: Full Dark, No Stars
Übersetzt von Wulf Bergner

Kommentar zu dem Kommentar bei Facebook (Vielleicht kann ein Admin ja mal drauf hinweisen):
” ich wüsste gerne welche hier gemeint sind oO ich lese Stephen King seit ich lesen kann, und habe mittlerweile alle alten durch und arbeite mich zu den neueren vor. bin nun bei “Die Arena”, was für mich das neueste ist was ich von King habe. Eine Rezi oder ein Hinweis auf die hier gemeinten Bücher würde mich interessieren
”
Ich meinte mit dieser Bemerkung “Sunset” und “Die Arena”
“Sunset” bot für mich nur wenige gut gemachte Stories; die meisten fand ich relativ lieb- und einfallslos. Und “Die Arena” hatte zwar eine tolle Grundidee, aber ich konnte mit den Charakteren und ihren Entwicklungen nichts anfangen. Zudem fand ich die Geschichte arg in die Länge gezogen. Als Novelle wäre die, zugegebenermaßen tolle, Idee vielleicht besser aufgehoben.