„Das Leben schreibt die spannendsten Geschichten“. Wer wie ich bei diesem Satz bisher immer den Plattitüden-Alarm im Kopf gehört und diskret die Augen verdreht hat, sollte mal „Meine Wildnis“ von Peter Rock lesen.
Ich gebe zu, dass ich das Buch an einem verregneten Tag zur Hand genommen hab, weil ich die Befürchtung hatte, mich sonst im Kreis zu langweilen. Schlechtes Wetter ist doch für was gut!
Hab’ den Roman in einem Rutsch durchgelesen und bin komplett eingetaucht in dessen faszinierende Andersartigkeit.
Ein Vietnamveteran lebt mit seiner halbwüchsigen Tochter seit Jahren im Wald. Durch seine Kriegserfahrungen traumatisiert, ist der intellektuell-hochgebildete Mann der „normalen“ Welt nicht mehr gewachsen. Es ist ihm dort zu laut, zu hektisch, zu konsumorientiert und zu oberflächlich.
Seinen enormen Fundus an Wissen gibt er an seine Tochter weiter, vermittelt ihr zum Teil recht kompromisslos die Werte, die er für richtig und wichtig hält.
Ob das in dieser Form so sinnvoll ist, muss der Leser für sich entscheiden. Es scheint aber, als würde die Tochter nichts wirklich schmerzlich vermissen. Sie ist neugierig auf die andere Welt, ihr Zuhause ist aber da, wo ihr Vater ist.
Eines Tages werden die beiden Außenseiter entdeckt und gegen ihren Willen „zwangsintegriert“, was dem Roman eine gewisse Aktualität verleiht. Das Projekt Wiedereingliederung scheitert, man ahnt es schon vorher.
Das wahre Spannende an diesem Roman ist seine Authentizität. Vater und Tochter gab (oder gibt es noch?) tatsächlich, nach ihrer Flucht aus der Zivilisation verlor sich ihre Spur, sie wurden nie wieder gesehen.
Ab diesem Punkt zeigt uns der Autor in der fortlaufenden Geschichte, wie es seiner Vorstellung nach mit beiden weitergegangen sein könnte.
Freunde des Happy-Ends seien gewarnt, dieses Buch ist nichts für Sie!
Die für mich größte Leistung dieses Romans ist meiner Meinung nach, einen nachdenklichen Leser zurückzulassen. Dies ergibt sich zum einen aus der rätselhaften Atmosphäre dieses andersartigen Lebens und der grundsätzlichen Frage, warum nicht jeder Mensch so leben kann, wie er möchte, so lange er nicht anderen schadet… ?!
Originaltitel: “My Abandonment”
Übersetzt von: Stephan Kleiner

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